Gerhard (1248 ‒ vor 1271)

Der erste und zweifellos bedeutendste Dombaumeister von Köln war Gerhard. Das Memorienbuch der Kölner Benediktinerabtei St. Pantaleon nennt ihn »initiator nove fabrice maioris ecclesie«, also den Urheber des neuen Dombaus.

Auf ihn gehen die grundlegende Gesamtplanung der Kathedrale und der Bau des Chorerdgeschosses mit Chorumgang und Chorkapellen zurück, eventuell sogar auch noch der Bau des Triforiums und der westlichen Fenster des Chorobergadens, deren Maßwerke sich deutlich von den übrigen unterscheiden. Seine hervorragende Kenntnis der zeitgenössischen französischen Architektur, insbesondere der Kathedrale von Amiens, zeigt, dass er für längere Zeit in Bauhütten der Ile de France tätig gewesen sein dürfte oder diese zumindest aus eigener Anschauung kannte.

Christian Mohr, farbig gefasstes Gipsmodell für die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Meister-Gerhard-Statue am alten Wallraf-Richartz-Museum in Köln und die bekrönende Figur des Meister Gerhard Brunnens in Potsdam-Babelsberg, 1861. Dombauhütte Köln, Modellkammer.

Genial verstand er es, die neueste französische Architektur nicht nur nach Köln zu übertragen, sondern auch konsequent weiterzuentwickeln.

Die Bautechnik des Chorerdgeschosses mit zweischaligem Mauerwerk, wie man es etwa auch an den Kölner romanischen Kirchen vorfindet, ist hingegen noch stark der älteren lokalen Tradition verhaftet.

Lebensdaten

1257 erhielt Meister Gerhard vom Domkapitel ein großes Grundstück an der Marzellenstraße in Erbpacht übertragen. Auf diesem ließ er sich ein steinernes Wohnhaus errichten. Bekannt sind ferner die Namen von Gerhards Ehefrau Guda und von vier gemeinsamen Kindern: Petrus, Wilhelm, Johann und Elisabeth. Sie alle haben eine geistliche Laufbahn eingeschlagen. Die in der Literatur oft zu findende Identifizierung mit einem urkundlich bezeugten Steinmetz namens Gerhard von Rile (zu identifizieren eventuell mit Reil an der Mosel) ist hingegen nicht sicher belegbar. Auch die Gleichsetzung mit dem Domkanoniker und Fabrikmeister Gerhard ist durch die Forschung überholt. Die sogenannte Domfabrik (von lat. fabrica = Werk), der gewöhnlich zwei Domkapitulare als Fabrikmeister vorstanden, war für die Finanzierung des Dombaues zuständig.

Gerhard starb nach dem oben erwähnten Memorienbuch in einem ungenannten Jahr am 24. April; das Memorienbuch der Abtei Mönchengladbach nennt den 23. April. 1271 wird erstmals Meister Arnold als Nachfolger Gerhards erwähnt. Über die genaueren Todesursachen ist historisch nichts bekannt. Die Dombaumeisterlegende, die von einem Absturz des Dombaumeisters vom Gerüst berichtet, dürfte erst viele Jahrhunderte nach seinem Tod entstanden sein. Schriftlich festgehalten wurde sie erst im 19. Jahrhundert. Aufgrund seiner Erwähnung im Memorienbuch der Abtei und vieler formaler Ähnlichkeiten der Architektur des Chores der Abteikirche St. Vitus in Mönchengladbach zu den Chorkapellen des Domes wird Meister Gerhard zumeist auch dessen Planung zugeschrieben. Der erste Werkmeister des Altenberger Domes dürfte aus der Dombauhütte Meister Gerhards hervorgegangen sein.

An Meister Gerhard erinnern heute unter anderem in Köln die Meister-Gerhard-Straße und eine der Figuren am Rathausturm sowie eine Gedenktafel in der Walhalla in Donaustauf ‒ vor allem aber der prächtige von der Kölner Dombauhütte und Dombildhauer Christian Mohr gestaltete Meister-Gerhard-Brunnen im Park von Schloss Babelsberg bei Potsdam. Berühmt ist der Kölner Dombaumeister auch als literarische Gestalt der Dombaumeisterlegenden und des Romans Tod und Teufel von Frank Schätzing.

Dombaumeisterportrait

Der Kopf eines Mannes im Scheitel des zentralen Fensters der Achskapelle des Kölner Domes wird gelegentlich, wenn auch rein spekulativ, als Portrait Meister Gerhards gedeutet. Da man im Mittelalter glaubte die Seele verlasse den Körper durch den Mund, könnte die geöffneten Lippen dahingehend gedeutet werden, dass der Dargestellte bereits verstorben war.

Bildnis Meister Gerhards (?) im Mittelfenster der Achskapelle des Domes.